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Adieu, Gunnar

Versuch eines Abschieds.
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Die Nächte sind gerade pechschwarz und verregnet. Selbst im Auto bei Fernlicht hat man das Gefühl, auf ein dunkles Loch zuzufahren. In einer dieser Nächte erfuhr ich, dass du gestorben bist.

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Ach, Gunnar. Nun bist du gegangen. Auch wenn es für niemanden, der von deiner Krankheitsgeschichte wusste, überraschend sein konnte, so schwer ist es jetzt trotzdem. Wer dir nahe stand, konnte sehen, wie du der Welt immer mehr entwichen bist, wie du auf Raten gegangen bist. Du bist virtuell ins Leben vieler Menschen gekommen, virtuell gingst du nun, als Nachricht in einem Gruppenchat, die man hoffte, nie zu bekommen.

Wir sind uns im Jahre 2020 zum ersten Mal begegnet. Dein Kanal war noch kleiner, vielleicht 50 000 Follower, aber du fielst mir mit deinen Videos auf. Gerne hätte ich dich als Feuilleton-Leiter für das kleine Schweizer Magazin gewonnen, bei dem ich damals arbeitete. Es wurde nichts draus, aber gemeinsam starteten wir wenige Monate später den „Appell für freie Debattenräume“, den 200 bekannte Persönlichkeiten und über 20 000 gleichgesinnte Menschen unterschrieben, viele davon Leser der ersten Stunde dieser Publikation, die daraus entstand. Du warst damals noch Lehrer an einem Gymnasium, ich noch Kolumnist einer großen Schweizer Zeitung. Dein Kanal überstieg nun die Marke von 100 000 Followern.

Man lernt doch jemanden am besten kennen, wenn es darauf ankommt. Die Cancel Culture grassierte, die öffentlichen Debatten waren eine Witzveranstaltung geworden. Wir schrieben in Windeseile einen Appell, mit etwas Kühnheit im Nacken, aber mit kleinem Kloß im Hals. Denn die ganze Aktion hätte furchtbar schief gehen können. Doch du brachtest von Anfang an eine unglaubliche Unbekümmertheit in das Thema, frei nach dem Motto aller Macher: „Was soll schon groß schiefgehen?“ Alles geschah organisch, fast wie von selbst. Die Zusammenarbeit mit dir war immer herrlich leicht.

Ich erinnere mich gut, kurz vor der ersten Sendung mit dir, in welcher wir den Appell erstmals ankündigten wollten, lief ich aufgeregt in meiner Zürcher Wohnung herum. Sollten wir uns nicht noch etwas absprechen? Irgendein Briefing machen? Du warst bis 15 Minuten vor der Sendung noch Fußball spielen, erfuhr ich dann kurz vor der Sendung. Das warst ganz Du. Das Gespräch ergab sich von selbst. Es kam alles aus dem Herzen und dem Moment. Authentizität geht nicht mit Script. Danach zocktest du live auf YouTube ein Videospiel. Ein bisschen ein Rätsel bliebst du wahrscheinlich für viele. Doch durch Spaß und Ernst gabst du den schwierigen Dingen automatisch eine Einfachheit. So kamst du dem Verständnis leichter näher. In allen Gesprächen, die du führtest, war für jeden immer dieses Verstehenwollen spürbar, diese Neugier und Sehnsucht, den Dingen auf den Grund zu gehen.

Corona alarmierte uns beide gleichermaßen. Konnte das wirklich deren Ernst sein? Plötzlich war da dieses Narrativ. Doch da war auch jemand, der laut und immer wieder an inzwischen Hunderttausende auf YouTube sagte, auch weil er nicht anders konnte, „Ich mach da nicht mit“ : Dieser eine warst du, Gunnar Kaiser. Und du hast allein damit ein Zeichen gesetzt, das besser wirkt als jedes lehrreiche Video oder auch deine vielen Stunden im Klassenzimmer vor deinen Schülern. Du warst dadurch ein Vorbild, wurdest ein Symbol für den Widerstand. Du zeigtest, dass es möglich ist. Du zahltest den Preis des Ausgestossenwerdens, den viele kennen, doch du lebtest den Prozess auch noch öffentlich vor und durch: Diffamierung in Leitmedien, Aufgabe des Lehrerberufs, gecancelt von einer „liberalen“ Stiftung. Unbeirrt machtest du weiter, du klammertest dich nicht ans Weltliche, die Welt des Geistes gab dir mehr. Damit machtest du unendlich vielen Leuten Mut.

Schnell wurde klar, die Cancel Culture war nur die Blaupause vor dem Corona-Theater, die Generalprobe. Du Gunnar, legtest mit deiner Arbeit schon früh die Schablone frei, die sich hinter dem medialen Propagandakrieg rund um Maßnahmen und Impfstoffe verbarg. Der Ursprung des Totalitarismus bei Hannah Arendt; die Medikalisierung des Lebens bei Illich; die Elemente der Technokratie bei Ellul. Du hast komplexe akademische Konzepte für jeden Zuschauer verständlich gemacht, sie ins hier und heute übersetzt, deine eigenen Ideen und Interpretationen beigefügt. Gab es jemanden im deutschsprachigen Raum, der in den letzten Jahren vor mehr Zuschauern die Fackel der Freiheit höher in den Himmel gereckt hat als dich?

Du beschriebst das Monströse, statt sich vor ihm zu verstecken. Du gabst dem Widerstand einen intellektuellen Resonanzboden, auch dank einer Traube von klugen Redakteur(innen), die du um dich schartest. Viele meiner Texte hast du vertont, wir schauten gemeinsam zu, wie sie in den Youtube-Himmel schossen, bevor sie von der Flugabwehr der Zensoren demoliert wurden. Wir haben es uns nicht ausgesucht, aber wir waren plötzlich Waffenbrüder in einem seltsamen, ungleichen Informationskrieg. Ich habe in dieser Zeit einen echten „Unbrechbaren“ kennengelernt. Jemanden, der aus einem geistigen Material gemacht ist, das nicht nachgibt. Wo Wort und Tat in engstem Verhältnis stehen. Wie viele Menschen können das von sich behaupten?

Unser Appell brachte viele Akteure des Widerstands, die davor verstreut und vereinzelt vor sich hinarbeiteten, näher zusammen. Wir waren plötzlich „die Vermittlung“. Die Wege wurden kürzer, der Widerstand formierte sich stärker heraus. Das war während Corona von unschätzbarem Wert. Dein Wirken, lieber Gunnar, und wer will das leugnen, brachte Menschen zusammen, eigentlich überall, wo du warst. Du hast Menschen zum Denken angeregt und ins Handeln gebracht. Wo du warst, war Spaß, Musik, Spiel, Begegnung, Gespräch – wo du warst, war Leben. Durch dich kreuzten sich Lebenslinien. Ich spreche aus persönlicher Erfahrung: Die Freundin an meiner Seite war bis zu einer schicksalhaften Begegnung in Zürich mal deine Redakteurin. Du plantest ein Refugium und eine Begegnungsstätte für kritische Geister, noch viele Seminare, Interviews und Bücher.

Die virtuelle Welt, die dich und dein Wirken immer umgeben hat, denn du wirktest über den Äther des Netzes, ist nun der Raum für dein Vermächtnis. Denn deine Botschaften, Texte und Videos, sie bleiben. Du hast mit deiner Arbeit kleine und größere Informationsquellen im Internet installiert, zwischen den Schützengräben der Zensoren und Hater und gegenüber einem oft ratlosen Mainstream. Diese Quellen sprudeln weiter und hoffentlich in alle Ewigkeit.

Der deutsche Journalismus verliert ein verkanntes Juwel, ich persönlich einen seltenen Freund.


Die Familie Gunnar Kaisers hat eine Kondolenzadresse eingerichtet: kaiser.trauer@gmail.com


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Authors
Milosz Matuschek