Die Neue Welt als Wille und Vorstellung
Wird Technologie uns kontrollieren oder wir sie? Ein Plädoyer für prometheischen Stolz - und ein persönlicher Erfahrungsbericht nach der Bitcoin-Konferenz in Prag.
INNER CIRCLE
Wer, wenn nicht wir? Ich lade zum nächsten Gipfeltreffen im August: Handlungsoptionen entdecken, Erkenntnisse gewinnen, Vernetzung schaffen. Die early bird tickets sind bereit fast ausverkauft. Mehr Informationen finden Sie hier:
“Jede ausreichend fortgeschrittene Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.”
- Arthur C. Clarke
Kennen Sie das Gefühl? Sie wissen über ein Thema bereits Bescheid und fangen an zu glauben, irgendwie alles darüber zu wissen und sich daher weniger dafür interessieren zu dürfen.
Man nennt es auch die Illusion des Wissens und der Weg von dort ist leider nicht weit zum Dunning-Kruger-Effekt, der das Phänomen der Wissens-Selbstüberschätzung beschreibt. Vor dieser Situation stand ich letzte Woche. Die Bitcoin-Konferenz in Prag stand an und ich fragte mich nach immerhin zehn Jahren Beschäftigung mit Bitcoin, ob ich hinfahren soll und “ob mir das etwas bringt”. Genug anderes zu tun hätte ich immer und gut zehn Stunden Autofahrt sind schließlich auch nicht zu vernachlässigen.
Immer wenn dieses Gefühl „kenne ich doch schon jetzt genug” in mir auftaucht, ist es ein Alarmzeichen. Das Alarmzeichen, noch einmal in sich zu gehen, genauer hinzuschauen und die eigenen Vorurteile zu widerlegen. Ich fuhr also nach Prag und wurde nicht enttäuscht. Es ging nicht um den einen Vortrag, das eine Seminar oder den einen Stand, den ich besuchte, sondern ich setzte mich bewusst auch in Vorträge, die mich auf den ersten Blick nicht interessierten und ließ meine Gedanken schweifen.
Vorträge über Evolution, über die Explosion des Wissens, über die Cypherpunk-Bewegung oder über das souveräne Individuum der Zukunft; neue Produkte, die rund um Bitcoin entstehen. So saß ich in einem Vortrag über dezentrale Netzwerke und KI und dachte mir spontan: „Das probierst du jetzt einmal aus.”
Und dann fuhr ich in mein Hotelzimmer, das ich in den nächsten 24 Stunden nicht mehr verlassen sollte und warf den Rechner an.
“It’s a kind of magic”
Was dann geschah, verrate ich am Ende des Textes. Kurz gesagt: Abrakadabra. Es geschieht, während ich spreche. Die Maschinen mit ihrer eigenen abweisenden Code-Sprache, die mir bisher verschlossen waren, haben nun eine Schnittstelle für menschliche Sprache, dank KI. Ich spreche meine Wünsche, meine Vorstellungen in ein Programm hinein und dieses Gerät baut mir eine Softwareanwendung in wenigen Stunden, teils nur Minuten. Die technischen Hürden sind gefallen, eine weitere Bastion von Experten kann nun von findigen Laien gestürmt werden. Wahrlich der Beginn einer neuen Zeitrechnung. Nahezu alle App-Ideen, dich ich teils schon seit 10 Jahren habe, könnte ich nun wohl im Grunde selbst bauen.
Der Prometheus-Mythos erzählt von einem Titanen, der sich gegen Zeus stellt und den Menschen das Feuer bringt. Das Feuer steht für Wissen, Technik, Schöpferkraft und die Fähigkeit, die Welt selbst zu gestalten. Göttliche Eigenschaften. Weil Prometheus den Menschen diese göttliche Macht zugänglich macht, wird er von Zeus hart bestraft. An einen Felsen gekettet, wird ihm jeden Tag die Leber von einem Adler herausgerissen, die über Nacht wieder nachwächst.
Im Zeitalter der künstlichen Intelligenz erhält dieser Mythos eine neue Bedeutung. Bitcoin, KI, dezentrale Kommunkikationsprotokolle sind das neue Feuer im Raum. Sie verleihen einzelnen Fähigkeiten, die früher Institutionen, Konzernen oder Staaten vorbehalten waren. KI demokratisiert geistige Produktivität, offene Protokolle verschieben Machtverhältnisse, hin zu unzensierbarem Geld und unzensierbarer Information. Jede Neuerung ist ein ambivalentes Geschenk, sicher. Feuer kann wärmen oder zerstören. KI kann Kreativität und Freiheit fördern, aber auch die Überwachung, Manipulation und Abhängigkeit verstärken. Die eigentliche Frage lautet nicht, ob das wieder weg soll, sondern vielmehr, ob wir lernen, Werkzeuge in unserem Sinne verantwortungsvoll einzusetzen.
Wie wäre es mit mehr Prometheischem Stolz?
Ja, die KI nivelliert Bildungsunterschiede teilweise massiv. Spezialkenntnisse stehen jetzt Laien zur Verfügung. Ein Nicht-Akademiker kann jetzt schreiben wie ein Akademiker. Und wie so oft hängt es von unserer Einstellung ab, was wir daraus machen. Blicken wir auf das Schreckensszenario grassierender Arbeitslosigkeit oder beginnen wir, uns selbst zu fragen, ob wir und wie wir diese Technologie zur Hebelung der eigenen Kräfte nutzen können? Mit der KI wächst dem Menschen eine Art technologisches Exoskelett an Werkzeugen hinzu, getragen von einem zugeschalteten Megagehirn.
Der Technikphilosoph Günther Anders hat von der “prometheischen Scham” gesprochen, in die uns Technologie versetzt: wir fühlen uns in den Schatten gestellt von perfekten Maschinen. Wann sprechen wir von “prometheischem Stolz”? Dem Gefühl nämlich, nun ein stückweit mehr an Souveränität von Staat und Industrie zurückzubekommen? Wir müssen nicht maschinenähnlicher werden oder gar zum Maschinenmenschen von La Mettrie, sondern sollten uns darauf konzentrieren, das menschliche Bedürfnis nach Freiheit, Souveränität und Kreativität als Ausgangspunkt dieser Entwicklung zu definieren – mit Technologie als ihr natürlich-artifizieller Hebel. Der Unterschied zwischen Wollen und Können wird nun Zug um Zug eingedampft. Das ist die technologische Entwicklung. Und die Geistige? Wenn die Hürden fallen zählt nur noch der Wille und entscheidet über den Weg, den die Menschheit in dieser Entwicklung gehen will.
Im Grunde erleben wir gerade die Fortsetzung des ewig gleichen Spiels, der Demokratisierung von Produktionsmitteln. Vor dem Buchdruck wurden Bücher noch von Mönchen kopiert. Die Herstellung dauerte Monate und man musste sich einen Mönch leisten können. Der Buchdruck senkte die Grenzkosten dramatisch. Plötzlich konnte eine größere Schicht von Menschen publizieren. Es folgten Reformation, Renaissance, wissenschaftliche Revolution, Alphabetisierung und Explosion neuer Ideen. Es war nicht nur eine technologische Neuerung, es war eine Demokratisierung. Jeder konnte plötzlich drucken.
Ähnlich in der Fotografie, übrigens erfunden nicht von einem Ingenieur, sondern von einem Maler: Daguerre. Davor waren Porträts nur für Reiche, Gemälde kosteten Vermögen. Spätestens durch Kodak wurde es demokratisiert. Du drückst den Knopf, wir machen den Rest. Millionen Menschen wurden Fotografen. Kodak verpasste den Sprung ins neue Zeitalter und wurde von Digitalkameras auf Handys ersetzt.
Was bedeutet all das für das Arbeiten der Zukunft? Ich glaube nicht an die Abschaffung der Arbeit durch Technologie. Vielmehr sehe ich eine komplette Neuinterpretation ihrer Organisation, der Arbeitsteilung und das Entstehens einer neuen Klasse. Damit wären wir bei Marx: Morgens jagen, nachmittags fischen, abends Viehzucht betreiben und nach dem Essen kritisieren, ohne ausschließlich Jäger, Fischer, Hirte oder Kritiker zu sein. Das ist quasi die Aufhebung der starren Arbeitsteilung, die der Soziologe Emile Durkheim beschrieben hat. Der Mensch wird nicht länger auf eine einzige ökonomische Funktion reduziert, sondern kann seine vielfältigen Fähigkeiten entfalten.
Es ist die Befreiung auch des Arbeiters aus der Einbindung in die Produktion für andere, wo er, wie Ernst Jünger in seinem Buch „Der Arbeiter“ beschreibt, durch Funktionalität, Disziplin und Einbindung in den Prozess der industriellen Mobilmachung als eigener Akteur in den Raum tritt, jedoch nur als Typus, ohne Individualität. Der Mensch wird zum Träger einer technischen Form und gewinnt Macht nur durch Unterordnung.
Morgens Softwareentwickler, mittags Komponist, abends Consultant?
Wie wird der Mensch der Zukunft aussehen und arbeiten? Müssen wir uns einen Homo faber digitalis vorstellen, der morgens Software entwickelt, mittags ein Musikstück komponiert, nachmittags ein Buch illustriert und abends einen internationalen Marketing Plan entwirft?




