Die Zeit der Gehorsamsverweigerung
Am Ende hängt die Frage von Krieg und Frieden an der Folgebereitschaft der Massen.
Der französische Pazifist Jean Giono hat 1937 ein kleines Buch mit großer Wirkung veröffentlicht. Es heißt: Gehorsamsverweigerung – Refus d’obéissance. In dieser Schrift bemängelt er, dass selbst viele Pazifisten sich mit dem Thema Krieg arrangieren würden. Die einen betreiben Schwarzhandel, die anderen horten Vorräte, die dritten, gerne die Intellektuellen, reden sich heraus: Krieg wird es doch immer geben. Das lässt sich doch nicht verhindern. Gehört das nicht zur Natur des Menschen?
Vielleicht reden auch heute bald die nächsten Pazifisten so. Die falschen Pazifisten von früher tun es schon länger: Aus „Nie wieder Krieg“ soll eine Form von Arrangement mit den Zeitläufen entstehen. Propaganda wirkt durch Wiederholung über lange Zeiträume. Es ist stets ein langer Weg von Ablehnung bis Akzeptanz. Doch was stiftet Frieden? Der größte und einzig wirksame Werbeträger des Pazifismus, man kann es leider nicht anders sagen, war und bleibt der Krieg selbst, nachdem er stattgefunden hat.
Erst nach dem Krieg, nach der totalen Zerstörung, der Ausblutung eines ganzen Volkes, der Opferung der aktuellen Generation für eine vermeintlich bessere zukünftige, folgt ein Umdenken. Das nihilistische Drehbuch muss erst von Anfang bis Ende erzählt werden, damit der Frieden über den Krieg triumphieren darf. Das Leben der nächsten Generation muss durch den Tod der heutigen erkauft werden. Der Krieg hat seine eigene Erzählung vom Bevölkerungsaustausch. Für die nihilistischen Drehbuchschreiber der Kriegsmaschinerie entsteht das Leben erst durch den Tod.
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Das beste Beispiel für diese innere Re-volte, also den Rücksprung von Krieg zu Frieden, liefert besonders plakativ der (Kriegs)Chronist des 20. Jahrhunderts, Ernst Jünger, in seiner Schrift „Der Friede. Ein Wort an die Jugend Europas und an die Jugend der Welt”. Nach eindrücklichen Schilderungen von Kämpfen und Gemetzel, wie in den “Stahlgewittern” und “Wäldchen 125” widmet sich Jünger zum Ende des Zweiten Weltkrieges der Frage, wie der Frieden zu bewahren ist. Da war sein Sohn Ernstl, der wegen defätistischer Äusserungen fast vor ein Kriegsgericht gekommen wäre, schon gefallen. Jünger entwirft in dieser Schrift die Konturen einer europäischen und internationalen Sicherheitsarchitektur von der europäischen Einigung hin zum Weltstaat (dem eine eigene Schrift gewidmet ist).
War Jünger, der drastisch-realistische Chronist des Krieges, in Sachen Friedenssicherung ein Phantast? Aus heutiger Sicht war es sicher eine Illusion zu glauben, dass Institutionen Frieden sichern würden, und zwar entgegen dem Willen von Menschen. Institutionen dienen erst mal den Herrschenden. Und es ist am Ende eher die allgemeine Stimmung, die darüber entscheidet, wie Menschen zu Krieg und zu Frieden stehen, als Prinzipien.
Die neueste Politikpsychose: Aufrüstung über alles
Den Stimmungsumschwung bewirkt die Politik sicherheitshalber gleich selbst mit. Die Massnahmen beschliesst man schon heute, der Kriegsgrund wird sich später dann schon finden lassen. Werfen wir einen Blick auf die gängigen Bestrebungen, die in Deutschland und Europa in Richtung Krieg führen. Es sind etliche und man vergisst viele davon in der Rückschau leicht, da einige der Meldungen als kurzlebige Schlagzeile mal aufflackerte und dann wieder verglimmt. Wie Leuchtspurmunition im kalten NATO-Nachthimmel.
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Hochrüstungsinitiativen: Beschaffungsrecht wurde reformiert und über das novellierte Bundeswehrbeschaffungsbeschleunigungsgesetz und das neue Bundeswehrplanungs- und Beschaffungsbeschleunigungsgesetz beschleunigt. Ziel ist das Hochfahren industrieller Produktion.
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Reichen die Freiwilligen nicht aus, kann eine Bedarfswehrpflicht folgen. Darin ist ein Losverfahren als letztes Mittel vorgesehen. Mit welchem Recht kann eine Generation eigentlich die andere per Zufall ausgewählt in den Tod schicken? Jean Giono fragte sich das Gleiche.




