To be or NATO be? Neutralität als Ketzerei
Oder: Warum dieses Buch weniger ein Vorschlag als ein Stresstest ist.
Es scheint als bringen kriegerische Zeiten als kollateralen Nutzen der Rüstungsindustrie auch mehr friedensliebende Bücher heraus.
Geopolitisch werden die Karten gerade neu gemischt. Auch um Deutschland wird verhandelt nur nicht durch uns selbst. Was bedeuten die geopolitischen Veränderungen ganz konkret für uns, für unser Selbstbild?
„Deutschland neutral! – Mit Sicherheit für Frieden“ will darauf eine Antwort geben. Es ist weniger ein geschlossenes Werk als ein vielstimmiger Chor, weniger ein Argument als eine Reibungsfläche. Und genau darin liegt seine Qualität. Denn es zwingt den Leser nicht, zuzustimmen – sondern, sich zu positionieren.
Und das ist heute bereits eine Zumutung.
Der Tabubruch im Tarnmantel der Vernunft
Neutralität. Ein Wort, das einmal nach Schweiz, nach diplomatischer Finesse und nach staatsmännischer Nüchternheit klang. Heute hingegen wirkt es wie ein ideologischer Sprengsatz. Warum?
Weil Neutralität nicht nur eine außenpolitische Option ist, sondern eine stille Anklage. Wer Neutralität fordert, stellt implizit die Frage: Warum sind wir es nicht? Und diese Frage führt direkt ins Herz der westlichen Selbstbeschreibung.
Das Buch stellt sie – und zwar aus verschiedenen Richtungen gleichzeitig.
Wolfgang Bittner etwa beginnt mit einer fast schon altmodischen Frage: Ist Deutschland souverän? Eine Frage, die im offiziellen Diskurs längst als erledigt gilt, hier aber wieder geöffnet wird wie eine Wunde, die nie ganz verheilt ist. Seine Antwort ist wenig überraschend und gerade deshalb so irritierend: formal ja, faktisch nur bedingt.
Und plötzlich steht der Leser vor einer unbequemen Möglichkeit: Dass politische Realität und politische Erzählung nicht deckungsgleich sind.
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Der Elefant im Raum: NATO
Mathias Bröckers spricht es aus, wo andere noch um den heißen Brei kreisen: Neutralität bedeutet NATO-Austritt. Punkt.
Damit ist der Kernkonflikt benannt. Denn Neutralität ist kein dekoratives Add-on, sondern eine Systementscheidung. Man kann nicht gleichzeitig Teil eines Militärbündnisses sein und sich als neutral verstehen – genauso wenig wie man gleichzeitig im Wasser und trocken sein kann.
Das Buch insistiert auf dieser logischen Klarheit. Und genau darin liegt seine Provokation. Es zwingt dazu, Kategorien zu überprüfen, die man bisher für unantastbar hielt.
Besonders interessant wird es dort, wo das Buch nicht nur geopolitisch, sondern anthropologisch argumentiert. Dietrich Brüggemann beschreibt die deutsche Gesellschaft als „nicht mehr kriegstauglich“. Das ist keine moralische Bewertung, sondern eine Diagnose. Jahrzehnte der Friedenserziehung haben ein kulturelles Immunsystem gegen Militarisierung geschaffen. Man könnte sagen: Deutschland hat sich selbst entmilitarisiert – und versucht nun, diesen Zustand rückgängig zu machen.
Das wirkt in etwa so überzeugend wie der Versuch, einem Vegetarier plötzlich Lust auf Fleisch einzureden, indem man ihm die Notwendigkeit erklärt.
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Neutralität als Haltung, nicht als Flucht
Ein häufiger Vorwurf lautet: Neutralität sei feige. Ein Ausweichen, ein Sich-Heraushalten, ein moralisches Wegducken. Das Buch widerspricht dem – und das ist vielleicht seine stärkste Leistung. Jens Fischer Rodrian formuliert es prägnant: Neutralität heißt nicht Gleichgültigkeit. Sie ist keine Abwesenheit von Haltung, sondern eine andere Form von Haltung. Eine, die sich dem Automatismus der Parteinahme entzieht. Das ist ein feiner, aber entscheidender Unterschied. Denn wer nicht automatisch Partei ergreift, muss genauer hinschauen. Und genau das ist heute eine seltene Fähigkeit.
Lisa Fitz spricht von einem „Deutschland im Wahn“. Das klingt zunächst wie Kabarett – ist aber im Kontext des Buches eine ernsthafte Diagnose. Gemeint ist ein Zustand moralischer Überhitzung, in dem Differenzierung als Verrat gilt und Komplexität als Schwäche. Ein Zustand, in dem man nicht mehr fragt: Was ist wahr?, sondern: Auf welcher Seite stehst du? Neutralität wird in einem solchen Klima fast zwangsläufig als Provokation wahrgenommen. Nicht, weil sie falsch wäre, sondern weil sie sich dem binären Denken entzieht.
Die List der Vernunft
Eine der überraschenderen Perspektiven liefert Roberto De Lapuente mit seinem Verweis auf Donald Trump. Trump, so die These, habe – möglicherweise unbeabsichtigt – die transatlantische Ordnung erschüttert und Europa gezwungen, sich neu zu orientieren. Eine Art hegelianische „List der Vernunft“, bei der das Chaos zum Katalysator wird. Man muss dieser Interpretation nicht zustimmen, um ihren Reiz zu erkennen. Sie öffnet einen Raum, in dem Geschichte nicht als linearer Prozess erscheint, sondern als ein Geflecht von Umwegen und unbeabsichtigten Konsequenzen.
Rolf Gössner bringt eine juristische Dimension ins Spiel, die im politischen Diskurs oft erstaunlich unterbelichtet bleibt: das Völkerrecht. Seine Diagnose ist ernüchternd: Deutschland verstrickt sich zunehmend in völkerrechtlich fragwürdige Konstellationen – etwa durch die Rolle von Ramstein bei US-Militäroperationen. Hier zeigt sich ein zentrales Spannungsfeld: Zwischen normativer Selbstbeschreibung und praktischer Politik klafft eine Lücke. Und diese Lücke wird größer.
Interessant ist auch der leise, fast unscheinbare Beitrag von Madita Hampe. Sie spricht über das Persönliche in der Diplomatie – und trifft damit einen Nerv. Denn während große geopolitische Analysen oft abstrakt bleiben, erinnert sie daran, dass Frieden letztlich zwischen Menschen verhandelt wird. Vertrauen, Sympathie, persönliche Beziehungen – das sind keine weichen Faktoren, sondern die eigentliche Infrastruktur der Diplomatie. Neutralität erscheint hier nicht als Strategie, sondern als Beziehungskompetenz.
Der große Verdacht
Was dieses Buch im Kern auslöst, ist ein Verdacht.
Der Verdacht, dass die gegenwärtige Ordnung weniger alternativlos ist, als sie erscheint. Dass es Denk- und Handlungsspielräume gibt, die systematisch ausgeblendet werden. Und genau deshalb wird das Buch für viele Leser unbequem sein. Nicht, weil es extreme Positionen vertritt – sondern weil es Fragen stellt, die man sich selbst nicht mehr gestellt hat.
Neutralität als Stresstest
Am Ende ist „Deutschland neutral“ kein Fahrplan. Es ist ein Test. Ein Test dafür, wie viel Ambiguität eine Gesellschaft aushält. Wie offen sie für unbequeme Gedanken ist. Und wie bereit sie ist, ihre eigenen Grundannahmen zu hinterfragen. Neutralität ist dabei weniger das Ziel als der Prüfstein. Denn wer ernsthaft über Neutralität nachdenkt, muss zwangsläufig über Macht, Abhängigkeit, Sicherheit und Identität nachdenken. Und genau das ist der eigentliche Gewinn dieses Buches.
Fazit: Ein notwendiges Ärgernis
Man wird dieses Buch kritisieren können. Man wird ihm Naivität vorwerfen, geopolitische Blindheit oder moralischen Idealismus. Aber man wird ihm eines nicht vorwerfen können: Irrelevanz. In einer Zeit, in der der Diskurs zunehmend verengt wird, wirkt dieses Buch wie ein intellektueller Störfall. Und genau das macht es wertvoll. Es ist kein Buch für Gewissheiten. Es ist ein Buch für Zweifel. Darüber, wer wir glaubten zu sein und darüber, wer wer in Zukunft sein wollen. Wie kommen wir raus aus dem “Stockholm-Syndrom” (Ulrike Guérot)?
Unbequeme Fragen zu steillen ist in einer Welt der schnellen Urteile und klaren Lager die radikalste Form von Aufklärung.
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Ich bin dafür! Deutschland neutral! Nur das wird seiner zentralen Stellung und Lage in Europa gerecht. (Siehe: Kampf um die Vorherrschaft, https://amzn.eu/d/07kPnfu7)
Das ist eine klare Position, deren Zeit gekommen ist.
Allerdings hat die Konsequenzen:
1. Keine ausländischen Militärbasen mehr in Deutschland! Keine. Rammstein schon gar nicht.
2. Keine Militäreinsätze in anderen Ländern. Zu keinem Zweck. Keinem.
3. Deutschland behält Militär zur Verteidigung seiner Position. Neutralität bedeutet nicht Wehrlosigkeit. Wer Werte hat, muss fähig sein, dafür einzustehen. Sonst bedeuten sie nichts, sind nur träumerische Phantasien.
4. Deutschland muss klare, enge Einwanderungsregeln haben und durchsetzen. Ohne sie ist es allzu leicht Opfer von „weapons of mass migration“.
Werte wie Neutralität bedeuten also, klare Grenzen zu ziehen; zu denen zählen auch geografische.
So weit, so klar, finde ich.
Es wird aber nicht stattfinden. Da habe ich keine Zweifel. Die Politikerkaste hat keinen Mut und ist erpressbar. Das Volk hat keinen Mut und hängt am Tropf.
Aber es ist eine nette Vorstellung.
Ein für ein Land in dieser Lage natürlich naheliegender Ansatz mit viel Potential, aber schon wegen seines Idealismus aussichtslos. Entscheidendes wurde bereits genannt : Schland ist nicht souverän, m.E. nicht einmal rechtlich, und ( deshalb)keine Nation ieS.. Damit ist u.a. klar, dass das Regime zu derartigen und anderen Entscheidungen nicht " befugt" wäre. Davon unabhängig sehe ich , realistisch betrachtet, kein " deutsches" Regime, welches sich vom westlichen Hegemon , um den geht es insbesondere, emanzipieren würde. Wer die " Gechichte " nach 1945 etwas genauer und weniger " trunken" verfolgt, wird relativ schnell erkennen, dass u.a. Carlo Schmid und später ein gewisser Schäuble wussten, was sie äusserten, der eine anlässlich der Formulierung des GG. Dem nationalen Interesse wäre bereits " geholfen", wenn man die "Nation" wiederfinden und geopolitisch Bismarck wiederentdecken würde. Kaum anzunehmen, dass der Michel in seiner Mehrheit ein derartiges Regime resp die tragende Partei wählen würde. Dazu müsste er entsprechend therapiert, quasi auf Entzug gesetzt werden, um die psychokognitive Verfasstheit dazu herzustellen. Genauer betrachtet stellt sich nicht nur in dieser Gesellschaft ganz grundsätzlich die demokratische ( Eignungs)Frage. Natürlich tabuisiert.