Wie leben in Zeiten maximaler Verunsicherung?
Wenn das Außen brüchig wird, muss der Einzelne antifragiler werden – und vor allem eines tun.
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„Wenn die Welt in Flammen aufginge, würde man die Dinge an ihrem Rauch unterscheiden können.“
- Heraklit
Wie oben, so unten. In der großen Welt spiegelt sich die kleine Welt oder die Vielzahl der Welten. Was im Großen passiert, ist also immer auch schon das, was im Kleinen ist.
Die Chiffre unserer Zeit gerade lautet: Unsicherheit, Ungewissheit, Unzuverlässigkeit.
Die neue Unübersichtlichkeit mag gewollt sein. Vielleicht ein Ablenkungsmanöver? Das Netz spottet schon: Die Epstein Files haben es doch tatsächlich geschafft, sich selbst unsichtbar zu machen, den III. Weltkrieg auszulösen und eine weitere fake Mondmission zu starten.
Wer im aktuellen Gebaren des Westens einen genialen Plan vermutet, würde das nach den Aussagen des Präsidenten der USA der letzten Wochen wahrscheinlich bei jeder seiner Aussagen tun.
Die Rhetorik der Verwirrung
Wenn der “Artist of the Deal” mit dem Erzfeind spricht, dann klingt das in etwa so (zusammengetragen von einem “Reddit-User”):
März: „Wir haben den Krieg gewonnen.“
März: „Wir haben den Iran besiegt.“
März: „Wir müssen den Iran angreifen.“
März: „Der Krieg ist nahezu vollständig und sehr schön beendet.“
März: „Man sagt nie gern zu früh, dass man gewonnen hat. Wir haben gewonnen. In der ersten Stunde war es vorbei.“
März: „Wir haben gewonnen, aber noch nicht vollständig.“
März: „Wir haben den Krieg gewonnen.“
März: „Bitte helft uns.“
März: „Wenn ihr uns nicht helft, werde ich mir das ganz sicher merken.“
März: „Eigentlich brauchen wir überhaupt keine Hilfe.“
März: „Ich habe nur getestet, wer mir zuhört.“
März: „Wenn die NATO nicht hilft, wird sie etwas sehr Schlimmes erleben.“
März: „Wir brauchen weder noch wollen wir die Hilfe der NATO.“
März: „Ich brauche keine Zustimmung des Kongresses, um aus der NATO auszutreten.“
März: „Unsere Verbündeten müssen bei der Wiederöffnung der Straße von Hormuz zusammenarbeiten.“
März: „Die US-Verbündeten müssen sich zusammenreißen – sie sollen mithelfen, die Straße von Hormuz zu öffnen.“
März: „Die NATO ist feige.“
März: „Die Straße von Hormuz muss von den Ländern geschützt werden, die sie nutzen. Wir nutzen sie nicht, wir müssen sie nicht öffnen.“
März: „Das ist das letzte Mal. Ich gebe dem Iran 48 Stunden. Öffnet die Meerenge.“
März: „Der Iran ist tot.“
März: „Wir hatten sehr gute und produktive Gespräche mit dem Iran.“
März: „Wir machen Fortschritte.“
März: „Sie haben uns ein Geschenk gemacht, und das Geschenk ist heute angekommen. Und es war ein sehr großes Geschenk von enormem Wert. Ich werde euch nicht sagen, was dieses Geschenk ist, aber es war ein sehr bedeutender Preis.“
März: „Macht einen Deal, oder wir werden sie einfach weiter bombardieren.“
März: „Wir müssen für die NATO nicht da sein.“
März: Kein bedeutendes Zitat
März: Behauptete, die Gespräche würden voranschreiten
März: „Öffnet die Straße von Hormus sofort, oder stellt euch verheerenden Konsequenzen.“
März: Behauptete, ein Deal sei „sehr nahe“ und Iran werde „das Richtige tun”
Im April ging es so weiter:
1. April: „Wir werden sehr bald sehen, was passiert.“
2. April: Wiederholte, dass ein Deal wahrscheinlich sei, warnte jedoch vor weiteren Angriffen.
3. April: „Etwas Großes wird passieren.“
4. April: Sagte, Iran müsse „sofort“ nachgeben, sonst drohten weitere Konsequenzen.
5. April: „Öffnet die verdammte Straße, ihr verrückten Bastarde, oder ihr werdet in der Hölle leben – WARTET ES NUR AB! Gelobt sei Allah.“
Der Weltgeist reitet heute nicht mehr zu Pferde, sondern vollführt eine Reality-Seifenoper in unmittelbarer Nähe des nuklearen Knopfs. In einem unübersichtlichen Tohuwabohu nach Sinn suchen zu müssen, gleicht dem Versuch, in Exkrementen nach Goldstücken zu stochern. Die Sprache des Krieges des US-Präsidenten ist der Aufstieg provinzieller Kneipenprovokationsrhetorik auf der Weltbühne. Das lässt die angeblichen Weihen der höheren Sendung der Weltgeschichte wie die Rufe eines Fieberträumigen erscheinen.
Der Sinn des Unsinns
Das heißt nicht, dass Chaos keinen Sinn machen muss. Ist nicht auch Schall und Rauch ein mächtiger Verbündeter, wenn es um Machtinteressen geht? Doch die Verwirrtaktik ist eben auch friendly fire auf den Geist der Weltgemeinschaft, ein weiterer Angriff auf das Immunsystem von Mensch und Gesellschaft.
Nach dem Angriff durch Corona auf das körperliche Immunsystem folgt nun ein fortgesetzter Angriff auf das geistige Immunsystem. Wenn die Realität nur noch wirkt wie ein Verwirrspiel, entsteht genau die Gemengelage, die es braucht, um alles, was bisher gewachsen war oder institutionell verkörpert wurde, vollständig auszuhöhlen – und schließlich zu ersetzen.
So zieht man erst die Substanz aus allem und hinterlässt eine leere Hülle, eine Simulation. In einer Zeit, in der alles entwertet wird – vom Geld über Diplome, über Berufsethik, moralische Maßstäbe, die Beweiskraft der Bilder, ja von Information generell –, schafft die Rhetorik auf der Weltbühne eine Ruinenlandschaft, deren Erhaltung sich am Ende kaum mehr jemand wünschen will. Die nächsten Wehrpflichtigen sollen mit dem Palaver im Ohr von Kreuzrittern, Glücksrittern und Maulhelden für die gute Sache sterben. Am Ende sind sie alle Ritter von der traurigen Gestalt.
Erst Sinnentzug, dann Obsolenz, dann Disposition und Ersatz. All das zwingt auch zur Überlegung, wie sich Wert so leicht entziehen lassen kann – und das einfach nur durch Banalisierung. Worin bestand dann dieser Wert, und durch wen wurde er stabilisiert? Die Kräfte des Destruktiven haben eben auch die Funktion eines Statusmelders, nämlich zu zeigen, was intrinsisch stark genug ist, dass es Erschütterungen standhält. Die Zertrümmerung ist ein Test der Robustheit. Sie verrät die Stärke der noch vorhandenen Elemente und hebt diese hervor.
Das Gegenprogramm des Einzelnen
Die Situation mahnt somit jeden Einzelnen dazu, sein Gegenprogramm zu formulieren. Dieses könnte auf “Antifragilität” lauten, ein Kunstwort von Nassim Taleb, der den Prozess beschreibt, wie Dinge durch Erschütterung, Chaos und Stress besser und stärker werden.
Die grassierende Entwertung ruft auf zur Wiederbelebung der Werte, ja zu einem ganz neuen, werthaften Bewusstsein allgemein. Denn wo sich Wertlosigkeit von allem durchsetzt, dort kollabiert der Sinn. Dort schwächt sich die Grundspannung, die einer vitalen Gesellschaft innewohnt. Dort erlahmt der élan vital (Henri Bergson).
Sind das die Vorzeichen der neuen Welt? Kommt jetzt ein Zeitalter der Ungewissheit, in der sich alles täglich neu sortiert? Die Reihenfolge der Gunst immer wieder anders aussieht? Jeder neue Umkehrschwung als Prinzip ausgegeben wird, das wiederum gleich für obsolet erklärt wird? Was bedeutet das für alle, die sich den Reim auf diese Zeit machen wollen?
In Zeiten wie diesen versperrt Verwirrung zunächst den Blick auf Handlungsoptionen und zwingt vermeintlich zum Verharren im neutralen Zustand. Wenn unklar ist, was zu tun ist, tut man besser nichts. Die Unsicherheit zwingt also in die Ohnmachtsfunktion, im Grunde nichts tun zu können, da jeder Schritt das Risiko birgt, ein falscher zu sein. So gibt die Verbreitung von Unsicherheit allein schon denjenigen, die diese vorantreiben, einen Vorsprung, weil es andere erst einmal in die Verharrung zwingt.
In dem Maße, wie die Verwirrung zunimmt, muss die Suche nach den besten Lebensoptionen forciert werden und kristallklarer hervortreten. Verwirrung ist dann nicht nur Zersetzungsmethode, sondern Gelegenheit zur ehrlichen Neukonfiguration, ja zur Emergenz des Neuen.
Die verwirrende Eskalationsdynamik der letzten Wochen müsste jetzt jedem klargemacht haben, dass es ohne eigene Gestaltung der Lebensumstände nicht mehr geht.
Sie zwingt dazu, selbst unter unklaren Wetterverhältnissen zu versuchen, einen eigenen Kurs einzuhalten, diesen herauszukristallisieren und zu stärken.
Verwirrung kann größere Entscheidungen vertagen, aber dafür viele kleinere Entscheidungen hin zu mehr Optionen forcieren.
Handlung jeglicher Art bedeutet materialisierte Entscheidung. Der Maßstab kann jedoch nur eine “imperfekte Aktion” sein.
Mobilität zählt mehr, als das perfekte Setup: Zuflucht ist vielleicht kein Ort. Ein Setup kann auch ein Gefängnis sein. Wer vor Kurzem noch für Dubai schwärmte, fand sich inmitten von Raketeneinschlägen wieder. Was wird in Südamerika und Mittelamerika passieren nach der Beschlagnahme der Ölvorräte von Venezuela?
Stärkung der persönlichen Verbindungen: Wenn die Welt überall ein bisschen brennt, verlässt der atomisierte Mensch automatisch sein (digitales) Isotop und muss sich an den Pilzen und ihrer Vernetzungssprache orientieren. Wer nicht Beobachter einer Katastrophenstatistik sein will, setzt der Unsicherheit der Beziehungen auf der Weltebene die Stärkung der Bindung auf persönlicher Ebene entgegen.
Ein Abnabelungsprozess von den Institutionen beginnt. Das ist auch ein Reifeprozess, eine Form der Individuation und Initiation in einen erwachsenen Umgang mit der Welt.
Sicherheit, auf die man sich im Außen verlässt, ist Abhängigkeit.
Sicherheit, die man selbst erschafft und aus dem Inneren aufbaut, ist Unabhängigkeit.
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Antifragilität. Ja. Aber was ist das konkret? Auf dem Paket für UPS würde stehen "Bitte werfen und fallenlassen!"😁
Sie ist das Gegenteil von dem, was das Ziel aller Aufzucht und Pflege von Kindern in den letzten 80 Jahren war. Denn nie wieder sollten chaotische (oder schlimmere) Verhältnisse eintreten.
Deutschland ist Weltmeister der Effizienz. Die ist aber das Gegenteil von Antifragilität. Insofern wird es dem Deutschen besonders schwer fallen, diese Eigenschaft zu entwickeln, fürchte ich.
Dazu kommt, dass der Deutsche sich selbst zum Gegenentwurf der Antifragilität stilisiert hat, nämlich zum generational Traumatisierten. Und das darf nie aufhören, denn es würde ja Vergessen bedeuten. Dann könnte "es" wieder passieren.
Traumatisiert ist, wer nach einer Belastungssituation nicht wieder sein volles Vermögen wieder herstellen kann. Beispiele: Nach einem Beinbruch bleibt ein Humpeln zurück. Nach einem Überfall im Parkhaus traut sich jemand nicht mehr abends allein in die Stadt.
Antifragil hingegen ist, wer nach einer Belastungssituation nicht nur sein volles Vermögen wieder herstellt, sondern sogar darüber hinausgeht. Beispiele: Nach einem Sturz, heilt die Verletzung aus und die Gestürzte geht anschließend zum Krafttraining, um sich beim nächsten Mal besser abstützen zu können. Nach einem Überfall im Parkhaus nimmt das Opfer an Selbstverteidigungskursen teil und fühlt sich sicherer als zuvor.
Was ist also für Antifragilität nötig? Alles beginnt mit einem Mindset, das nicht auf Operhaltung, nicht auf Berechtigung, Entitlement beruht. Antifragilität gibt es nicht geschenkt; sie muss selbst entwickelt werden.
Dann braucht es nicht nur, einen Wurf ins kalte Wasser (Schicksal), sondern den Sprung ins kalte Wasser (Selbstbestimmung). Antifragilität wird nicht entwickelt, indem man auf den Sturz oder den Überfall wartet, um sich danach antifragil zu verhalten. Vielmehr sind belastende Situationen aktiv aufzusuchen, um an ihnen schon vor der Notwendigkeit zu wachsen. Antifragilität braucht die bewusste (Über)Forderung.
So ein Sprung muss ja nicht ohne Rettungsleine oder Plan B sein. Piloten und Feuerwehrleute lernen ja auch vor allem erstmal in Simulationen. Dennoch muss die Situation sich mindestens ernst anfühlen.
Es geht also um Erfahrungen: Belastungserfahrung und danach Wachstumserfahrung.
Die lassen sich in Gemeinschaft leichter machen. Und gute Gemeinschaft, Partnerschaft, Liebe selbst ist auch antifragil.
Außerdem Werte! Ganz persönliche Antworten auf "Warum halte ich das eigentlich alles aus?" Nietzsche lässt grüßen, Mark Manson auch.
Ein kleiner Vorschlag zum Üben: Auf dem Job mal Nein sagen. Bewusst eine Grenze ziehen. Für sich selbst (oder andere) einstehen. Das ist für viele jenseits der Grenze ihrer Komfortzone. Gerade deshalb: Nur Mut!
Hatte gerade einen echten deutschen Patrioten zu Besuch. Bisher war eher die Version "ab nach Sachsen" angesagt und ggf. die Mauer wieder hochzuziehen (diesmal nicht als antifaschistischer Schutzwall sondern gegen Immigration und linksgrüne Meinungsdiktatur).
Vor fünf Jahren waren so gut wie alle seiner Freunde auf diesem Standpunkt.
Seit einem Jahr sind fast alle (und das sind mit den Familienmitgliedern nicht wenige) entschlossen in ein Land außerhalb der EU auszuwandern, wobei aus finanziellen Gründen die Schweiz für so gut wie alle ausscheidet. Nicht alle sind so begütert wie Markus Krall.
Bei mir sieht es genau anders herum aus. Ich habe mehrere Greencards, zwei Pässe, Freunde in der ganzen Welt, und trotzdem bleibe ich erstmal hier.
Meine Tochter wandert allerdings noch dieses Jahr mit Kind und Kegel in die Schweiz aus. Sie hat mit allen ihren Kindern allerdings das Privileg eines südamerikanischen Passes. Grund hierfür ist, dass sie noch zwei Söhne hier hat, die sie nicht der Rüstungslobby in den Rachen werfen will. Der dritte Sohn ist bereits Schweizer und hat letztes Jahr den ersten Teil seines Wehrdienstes abgeleistet.
Ich bin aber gerne bereit Auswanderungsberatung zu leisten.
Meine derzeitige Empfehlung ist nach dem mit eindeutiger Mehrheit ausgestatteten Regierungswechsel das Land Chile. Im Süden, den ich sowieso bevorzuge, kann man für unter € 200.000 ein halbes ha, voll erschlossen mit Strom und Wasser, sowie mit einem schönen großzügigen Holzwohnhaus erwerben. Der Eigentümer des großen landschaftlichen Besitzes, der die Parzellierung vornimmt, ist in der ? Generation Ur-Ur-Enkel deutscher Einwanderer.
Ich selbst habe ganz in der Nähe bereits ein Grundstück und denke daran in dieser neuen Gemeinschaft auch noch eines zu erwerben.