Der natürliche Siegeszug des Zweifels
Bilder sind trügerisch geworden: Folgt nun das große Selbstdenkenmüssen?
“Kein Ereignis ist so unglücklich, dass kluge Leute nicht irgendeinen Vorteil daraus zögen und keins so glücklich, dass es ein Dummkopf nicht zu seinem Nachteil kehren könnte.”
- La Rochefoucauld
“Das Regime der telekratischen Öffentlichkeit ist die unblutigste Gewaltherrschaft und zugleich der umfassendste Totalitarismus der Geschichte. Es braucht keine Köpfe rollen zu lassen, es macht sie überflüssig.”
“(….)die Sinne lassen sich nur betäuben, nicht abtöten. Irgendwann wird es zu einem gewaltigen Ausbruch gegen den Sinnenbetrug kommen.”
- Botho Strauß (“Anschwellender Bocksgesang”)
Im Krieg stirbt die Wahrheit als Erste.
Im Iran-Israel-USA-Konflikt kann man sagen, dass auch die Bilder als Kategorie der Wahrheitsfindung sterben. Zum einen gibt es kaum welche. Es ist ein Konflikt, der bislang auffallend bildarm ist, der quasi im Verborgenen vor der Weltöffentlichkeit stattfindet. In Israel ist eine Nachrichtensperre verhängt. Das Verbreiten von Handybildern und Videos wird sanktioniert. Bürgerjournalismus steht damit unter Strafe. So viel zur einzigen Demokratie im Nahen Osten. Im Iran ist es nicht viel besser.
Kriegsberichterstattung besteht in diesem Konflikt weitgehend aus der Kolportierung von Lageeinschätzungen von Militärs sowie theoretischen Analysen und Gewichtungen – die allerdings oft sehr lesens- und hörenswert sind. Dem gegenüber steht das Gerücht vom Tod Netanyahus im Raum, und die Welt rätselt, ob die Bilder, die seine Lebendigkeit bezeugen sollen, womöglich KI-generiert sind. Netanjahu ist inzwischen vierzehn Sicherheitsratssitzungen ferngeblieben. Sein Sohn Yair Netanjahu, ein zionistischer Influencer, der zuvor dreißig bis vierzig Tweets abgesetzt hatte, ist seit über einer Woche verstummt.
Erleben wir einen “KI-onoklasmus"?
Die Macht der Bilder und Symbole ist groß. Das Gehirn denkt in Bildern. Bilder sind der Weg, der dem Denken am gerechtesten wird – das liebste Häppchen des Geistes. Der Welt wird also der Glaube an das Bild genommen sowie die unschuldige Beweisführung durch das Bild. Erleben wir einen Bildersturm durch KI, einen KI-onoklasmus? Stattdessen erhält die Welt etwas anderes in die Hände: die Möglichkeit, die Echtheit eines Bildes zu überprüfen. Somit hat nun jeder – auch dank KI – ein Fact-Check-Instrument in seiner Werkzeugbox.
Das wird Retuschierungen auf höchster Ebene vermutlich nicht aufhalten, denn Propaganda war und ist oft plump. Die Bildbearbeietungskünste der stalinistischen Ära war aus heutiger Sicht Erinnerungsauslöschung (damnatio memoriae) als Slapstick. Doch zugleich dürfte Plumpheit die Vertrauenswerte heute schneller und weiter in den Keller treiben und von der Öffentlichkeit als Schwäche wahrgenommen werden. Das beste Mittel der Machtschrumpfung ist die Selbstlächerlichmachung eines Regimes.
Derzeit wird viel von Endzeitsekten gesprochen: Chabad-Lubawitsch, Sabbatisten, Frankisten. Es gibt christliche, wie satanische Endzeitbewegungen, und vielleicht trägt jede Bewegung (auch die kritische Szene?) ihren eigenen Erlösungs- und Endglauben in sich oder konstruiert entsprechende Narrative.
Der zusätzliche alltägliche Aberglaube des Medienmenschen besteht im Glauben an die Untrüglichkeit der Bilder – und damit an die Qualität des Gesendeten als Grundlage des Gesagten. Was er sieht, kann er es sich vorstellen, er bewegt sich irgendwo zwischen “pic or didn’t happen”, “what you see is what you get” und dem naiven Realismus, dass nichts außerhalb der eigenen Erfahrungswelt sicher existieren könne. Wenn diese Basis erodiert – was geschieht dann?
Diese Situation hat Botho Strauß in seinem Essay „Anschwellender Bocksgesang“ (1993) gewissermaßen vorweggenommen. Menschen beginnen, das Gesendete zu belächeln, denn sie tragen nun einen anderen Glauben in sich.
“Wenn man nur nicht mehr von Medien spräche, sondern von einem elektronischen Schaugewerbe, das seinem Publikum die Welt in dem äußersten Illusionismus, der überhaupt möglich ist, vorführte. Aber eines Tages geschähe es eben über Nacht wie in einer universellen Mutation, dass alle Welt plötzlich den Glauben an den Schein verlöre. Auf dem Bildschirm würden noch fortgesetzt die erbittertsten Anstrengungen unternommen, um das Publikum wieder einzufangen, es erneut zu illusionieren, abzurichten auf die moderierten Frequenzen, doch sie würden nicht mehr empfangen. Das Weltschaugewerbe wirkte auf einmal wie ein verstaubter Zirkus. Es hätte auf einen Schlag alle suggestive, realitätszersplitternde Macht verloren, die in den Kästen wirbten und lockten immer noch. Doch das Publikum lächelte jetzt befremdet und milde zugleich. Es glaubt einen anderen Glauben.”
Doch wohin führt dieser neue Glaube? Oder wird er bald von einem weiteren abgelöst?
Der Vorteil des Zweifelns
Wer sich einem Dogma anschließt, landet im Zynismus. Er weiß, dass es nicht stimmt, lebt aber weiter in der Lüge. Die Folge ist Ohnmacht, Apathie, Ablenkung und das Gefühl einer Auflösung aller Werte. Der Zyniker wählt den Weg des Opportunismus und des Arrangements. Für den Komfort bezahlt er mit einem galligen Gefühl.
Der Zweifler hingegen beginnt, den Blick nach innen zu richten und auf seine Intuition zu vertrauen. Er unterscheidet immer wieder neu zwischen echt und falsch. Er muss nicht alles misstrauisch sehen, doch er hat sich über die Jahre ein Sensorium angeeignet, das im Standby-Modus bereitliegt, um auf die größten Täuschungen nicht mehr so leicht hereinzufallen.
ANZEIGE
Jeder Winterschlussverkauf endet mal: Wer einen Bitcoin-Sparplan bei Relai hat, kauft bei Rücksetzern automatisch günstiger nach und damit immer zum günstigen Durchschnittspreis. RELAI steht Ihnen ab jetzt im gesamten EU-Raum zur Verfügung, mit dem Code MILOSZ sparen Sie Gebühren bei Kauf und Verkauf (keine Finanzberatung). Haftungsausschluss: Relai ist gemäss dem MiCA-Regulierungsrahmen berechtigt, Krypto-Asset-Dienstleistungen in der Schweiz und in der gesamten Europäischen Union anzubieten. Nach Abschluss der Passporting-Verfahren baut das Unternehmen seine Dienstleistungen aktiv auf weitere EU-Mitgliedstaaten aus.
Der Zweifler sucht den Diskomfort. Er sucht die Reibung mit dem Wirklichen. Und er wagt es, Tabus auszusprechen – Tabus, die es in einer offenen Gesellschaft bei Themen von öffentlichem Interesse eigentlich nicht geben sollte.
Auch der Zweifler ist vor Momenten der Ver-zweif-lung nicht geschützt – im Gegenteil. Er nimmt sie frühzeitig in Kauf, bleibt geistig beweglich und wird von seiner Vorstellungskraft nicht im Stich gelassen, wenn sich Befürchtetes in der Realität wiederholt. Nur ist er nun vorbereitet.
Der Zweifler erspart sich die Überraschung im letzten Moment. Er kann Systemkrisen besser bewältigen, weil er innerlich auf sie eingestellt ist.
Der Zweifler nimmt Schmerz auf sich – und erhält dafür eine Realitätsdividende als Ertrag seiner geistigen Anstrengung.
Wichtig ist dabei zu sehen: Die wirkliche Welt gehört am Ende demjenigen, der ihr in seiner Erkenntnissuche am nächsten gekommen ist. Für alle anderen bleibt diese Realität fremd.
Im Streit zwischen Zyniker und Zweifler geht es also darum, welcher Blick und welche Haltung gegenüber der Welt letztlich zu einem gelingenden Leben führen. Die Frage nach dem Glück ist dabei nicht leicht zu beantworten. Sie verweist vielmehr auf den faustischen Charakter eines Lebensdeals, den man eingeht: Zieht man den Komfort vor und bezahlt den Preis erst am Ende – mit seiner Seele –, dafür, dass man in der Lüge gelebt, aber gut funktioniert hat? Oder sucht man die Nähe zur Wahrheit, nimmt den Diskomfort in Kauf – und gewinnt dafür die Beweglichkeit des Geistes, Integrität und eine Form von innerem Stolz?
Der Zweifel führt in die Aktivität, der Zynismus in die Passivität. In der Aktivität kann sich Sinn ausdrücken; in der Passivität verharrt man in einer Haltung zum Unsinn – einer trägen Anpassung an das, was ist.
Die Haltung zur Welt, zu Informationen und zu Bildern – und der Umgang damit mittels unseres Geistes – gehört zu den grundlegenden Fähigkeiten, die der moderne Mensch entwickeln muss. Der Geist ist das eigentliche Schlachtfeld des modernen Krieges. Wer sein Denken noch nicht ausreichend im Griff hat und damit auch nicht Herr über seine Gefühlswelt ist, sollte sich diese Fähigkeiten eher früher als später aneignen.
Verbunden in den richtigen Frequenzen
Doch der eigentliche Siegeszug des Zweifels wird sich erst materialisieren, wenn es ein echtes Netzwerk der Zweifler gibt. Ein solches Netzwerk wäre von enormer Stärke, und erste Strukturen in diese Richtung sind in der kritischen Szene bereits erkennbar. Denn ein Zweifler ist nicht mehr so leicht durch Täuschung umkehrbar oder erschütterbar. Er ist durch eine Art Geistesprüfung gegangen und hat damit eine Form von Charakterstärke bewiesen – zugleich eine natürliche Form der Initiation. Ein Netzwerk von Menschen, in denen die Sehnsucht nach Wahrheit größer ist als die Furcht um Gesundheit oder Wohlbefinden, und welche dies bereits bewiesen hat, ist bereits den Schritt vom Zweifeln zum Handeln gegangen. Denn der Zweifler muss seinen eigenen Kopf gegen die Mehrheit erst beweisen, er muss sich sprichwörtlich “be-haupten”.
Wer sich in aller Unerbittlichkeit dem Strom der Zeit entgegenstellt, geht stets zwei Risiken ein: Er kann sich zur Witzfigur machen, zum Häretiker werden – oder zu beidem. In solchen Fällen wird ein Mensch von einem System nach mehr oder weniger fadenscheinigen Kriterien aussortiert.
Wer dieses Aussortiertwerden jedoch nicht als nach innen gerichtete Wut verarbeitet, nicht als Schmach oder Beschämung empfindet, sondern als Aufruf, ins Außen zu gehen und sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen, wird den Verlust von Zugehörigkeit durch die Präsenz des Echten kompensieren können.
Es wird Zeit – und das das sage ich nach einem Besuch des Panaceha-Kongresses und der Freiheitsparty von Daniel Stricker – dass sich alle aktiv Zweifelnden erkennen – an ihren Taten.
Jetzt digitale Tarnkappe in Form eines VPN holen! Beim Neujahrsspecial von PureVPN, gibt es das VPN ab 1.29 Euro/Monat. Man kann auch mit Kryptowährungen bezahlen und in manchen Tarifen ist noch eine e-sim mit dabei (affiliate link, ich bekomme eine Beteiligung am Kauf, für euch entstehen keine Zusatzkosten.
Herzlichen Dank, dass Sie meine Arbeit unterstützen!
Wenn Sie aus diesem Beitrag etwas für sich mitgenommen haben, können Sie mich gerne per Abonnement, Paypal, Überweisung oder Bitcoin unterstützen.
Ebenfalls können Sie mich unterstützen, wenn Sie bei Firmen aus meinem Vertrauensnetzwerk einkaufen. Sie erreichen mich unter milosz@pareto.space






Seit 1.10.2025 habe ich keine News mehr geschaut, keine Zeitung gelesen, keine Social Media mehr gescrollt. Kompletter Entzug. (Dass ich trotzdem weiß, dass es einen Iran-Krieg gibt zeigt, dass ich auch ohne aktiven Medienkonsum nicht von der Welt abgeschnitten sein kann.)
Aber ich wusste schon knapp eine Woche vor dem Krieg, dass es ihn sicher geben würde. Denn in der Gegenwart, im Hier und Jetzt hat sich etwas getan:
Am 23.2. bin ich vom Flughafen Sofia nach Kanada geflogen. In dem Zusammenhang habe ich mich auf der Flughafenseite informiert und mir wurde gesagt "In der Nacht vom 23. und 24.2. ist der Flughafenn wegen Militärflugbetrieb der USA gesperrt." Gesperrt! Da muss also viel los gewesen sein.
Aber warum sollten die USA so viel Kapazität des Flughafens Sofia in Bulgarien belegen? Weil sie massiv Ressourcen verlegen. Wohin? Es gab nur einen Zweck, der das gerechtfertigt hat.
Das ist, was zählt: die eigene Beobachtung im Hier und Jetzt. Alles andere ist potenziell Lüge/Propaganda.
Selbst fühlen, hören, sehen - und dann denken. Da müssen wir wieder hinkommen.
Deshalb auch: Nach Russland, Pakistan, China, Nigeria usw. selbst hinfahren. Niemandem mehr glauben, der etwas über ferne Weltgegenden erzählt. Keine Regierung hat ein Interesse daran, die Wahrheit über irgendetwas zu verkünden. Kein Medienunternehmen hat ein Interesse an Wahrheit. Wahrheit hat keinen pauschalen Überlebenswert für diese Organisationen.
Danke für den Link (Prof.Jiang) und natürlich wieder instruktiv, werter MM! Persönlich Anmerkung: Wenn es nur so leicht wäre, das Zweifeln oder finden des (zumindest relativ) Wahren?* Oder wie finde ich den korrekten Zweifel? Denn da gibts dummerweise das motivated reasoning (Quellen uA. Ziva Kunda et alt.)- So zum Beispiel, wenn ich ein Argument FÜR meine (ggf. kritische) Haltung/Ansicht finde, ist mir das unweigerlich "sympatisch" oder es klingt gar "wahrer" in meinen Ohren, als Gegenpositionen.
Meine primitive Abhilfe? Generell Skepsis Skepsis Skepsis, und speziell heute kann gelten - ALLES was Mainstream Sichten als richtig, wahr, korrekt bestätigt, ist mit größter Wahrscheinlichkeit NICHT belastbar, verifizierbar? Belege dafür gibt es wahrlich genug :-) PS. Dazu kürzlich interessanten amüsanten TED Talk gefunden - Warum die Mehrheit immer falsch liegt | Paul Rulkens
* Fußnote - Meines Wissens bzw. Sicht eines Experten hat Platons so berühmte Schrift (nur) einen Bug - er war der Ansicht, dass Mensch grundsätzlich die Idea sehen/finden kann. :-)