Der Preis des Nein
Kann es in den besten Demokratien aller Zeiten Dissidenten geben? Rezension des Sammelbands „Mut zum Widerspruch“.

„Ich bin dafür, dass Widerspruch erlaubt ist, ich halte ihn sogar für eine Pflicht.“
- Udo Jürgens, „Ich bin dafür“
„In diesem Moment tat sich ein Abgrund für mich auf, ich schaute gleichsam auf die Trümmer meiner bisherigen Wahrnehmung dieser Welt. Die hatte aus Sicherheit, Vertrauen in die Institutionen und Regierungen der westlichen Welt sowie dem Glauben in die Menschheit bestanden. In diesem kurzen Moment beschlich mich grosse Angst, denn ich habe ihn gerochen, den Faschismus. Wie modriges Fleischkam plötzlich sein Gestank aus allen Ritzen, ein Gestank aus alten Zeiten, und ich hätte nie gedacht, dass ich diesen jemals wahrnehmen sollte.“
- Andreas Heisler, in: “Mut zum Widerspruch”
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Es gibt Bücher, die beschreiben Dinge, die es nicht gibt: Das nennt sich Fiktion.
Dann gibt es Bücher, die beschreiben Dinge, die es gibt: Das sind Sachbücher.
Und dann gibt es Bücher, die beschreiben Dinge, die es gibt, aber eigentlich gar nicht geben dürfte.
Was ist das für ein Genre?
Jedenfalls gehört das Buch “Mut zum Widerspruch – Dissidenten der Alternativlosigkeit berichten” (Discorso Verlagsgenossenschaft, 2025) zu dieser Gattung. Demokratie kennt keine Dissidenten. In der Demokratie muss Widerspruch erlaubt sein. Die Demokratie lebt davon: Streit ist ihre Lebenselement, die conditio sine qua non. Doch in diesem Buch ist nun die Kollision an ihrem Anspruch materialisiert, in einer Textgattung, die es eigentlich nicht geben kann, wie soll man sie nennen? Vielleicht eine Art Unfallbericht oder Schadensabrechnung, die zugleich ein Dokument des Mutes ist?
Was in der Demokratie gilt, gilt ebenso in der Wissenschaft oder der Justiz, wo der Widerspruch noch stärker institutionalisiert ist. Sonst gibt es Wissenschaftsfreiheit oder Gerechtigkeit letztlich nicht. Die Beteiligten wurden eben aus diesen Betrieben ausgeschieden und sagen mit ihren persönlichen Berichten daher nicht nur etwas über ihr Schicksal sondern noch mehr über den Zustand aller Institutionen der angeblich besten Demokratien aller Zeiten.
Man hätte wahrscheinlich das Spektrum der Autoren – das als kleiner Wermutstropfen – noch viel weiter fassen können, aber kein Buch kann je alles abbilden: Kritiker der Migration, Kritiker des Klimadiskurses, Kritiker aktueller politischer Konflikte – von Russland und Ukraine bis hin zu Israel und Gaza. Versammelt sind hier bekannte Namen wie Daniele Ganser, der zur Frage von 9/11 und WTC 7 irgendwann innerhalb der Institutionen nicht mehr forschen durfte. Ulrike Guérot, Michael Meyen, der Familienrichter Christian Dettmar gehören ebenfalls zu den medial bekannteren Namen, die ebenfalls die Grenzen der Institutionen kennenlernen durften. Letztendlich ist es ein Sammelband der Grenzerfahrungen, der Antwort auf die Frage gibt, was passiert, wenn man wirklich mal das System auf Ehrlichkeit und Echtheit testet, auf dem wir fußen oder auf dem wir glaubten zu stehen. Wenn man wirklich die Regel, die Udo Jürgens ansingt – die Regel, dass Widerspruch erlaubt ist – eben dort anwendet, wo sich jede Regel beweisen muss: im Ernstfall, in Zeiten erhitzter Gemüter, in Zeiten der Neuen Normalität.
Im Grunde singt Udo Jürgens von einer absoluten Selbstverständlichkeit. Man kann sich an den Formulierungen sogar stoßen und sagen: man hat nicht dafür zu sein, dass Widerspruch erlaubt ist; man braucht es nicht dafür zu halten, dass es eine Pflicht ist. Es ist ja so. Die Demokratie lebt vom Streit und Widerspruch in Wissenschaft oder Justiz ist kein Betriebsunfall, sondern gehört zum Prozess, wie auch in den Medien. In dem Moment, wo beides nicht mehr der Fall ist, leben wir in einem anderen Zustand: nicht mehr in einer Demokratie, sondern in einer Diktatur; nicht mehr im Feld der Wissenschaft, sondern im Feld der Ideologie, nicht mehr im Feld freier Medien sondern der Propaganda, nicht mehr im Feld der Justiz sondern des Ausnahmezustands, des Feindstrafrechts oder der Scheinjustiz. Willkommen in der Realität.
Und eben das ist der dokumentarische Mehrwert, den dieser Sammelband liefert. Er geht von der persönlichen Erfahrung aus. Das Argument ist häufig das subjektive Erleben, und nicht selten geht es in diesen Texten auch um Aufarbeitung und Verarbeitung eines persönlich erlebten Traumas, das viele kritische Menschen – ob seit fünf, zehn oder 15 Jahren – immer wieder erlebt haben: nämlich, dass sie sich fühlen mussten, wie im falschen Film. Eine Erfahrung, die viele, die nicht an die Grenzen gegangen sind, nicht nachvollziehen können und sich deshalb auch nicht solidarisieren (können). Nur wer sich bewegt, spürt eben die Ketten, so Rosa Luxemburg. Nicht nur, wer darüber nachdenkt.
Man muss dem neu gegründeten Discorso Verlag zugutehalten, dass hier die wohl umfangreichste Studie des Dissidententums im deutschsprachigen Raum entstanden ist, die wir je hatten. Und wir sprechen hier nicht von fringe scientists, also ohnehin schon randständigen wissenschaftlichen Figuren. Michael Meyen hat drei Drittmittelprojekte gleichzeitig geleitet, war gern gesehener Gast auf allen Konferenzen. Ulrike Guérot war der Liebling nicht nur der Medien, sondern des Establishments. Für viele bedeutete das Dissidententum auch den Absturz aus luftigen Höhen eines elitären Betriebs, man könnte sogar sagen: einer Nomenklatura, die man für die gute, edle und wahre hielt.
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Was all die hier versammelten Autoren eint, ist die Tatsache, dass sie diesen Weg gegangen sind ohne Rücksicht auf Verluste, dass sie sich – wie Michael Meyen es schreibt – für das „Leben in der Wahrheit“ nach Václav Havel entschieden haben, dass sie letztendlich den Ethos ihres Berufs – nicht zu verwechseln mit dem, was viele heute für Arbeit halten, nämlich einen Job – hochgehalten haben und damit offengelegt haben, dass es zu ihrer persönlichen Identität gehört, ihren Beruf nach Wertmaßstäben ausfüllen zu wollen, die erwiesenermaßen in bestimmten politischen Konstellationen nicht mehr gewahrt wurden.
Sie haben alle den Gesslerhut der neuen Ideologie, das heißt der neuen Normalität, nicht gegrüßt und wurden dafür abgestraft. Sie haben sich als Vorbilder und als Titanen einer neuen Zeit herausgeschält und erwiesen. Es gibt Wege, die kann man durch Reden und das richtige Sprechen signalisieren. Am Ende gibt es die echten Wege nur dadurch, dass man Entscheidungen getroffen hat, dass man Handlungen hat sprechen lassen. All die hier versammelten Menschen haben sich durch Handlung geadelt.
Wie man an der Studie von Heike Egner und Anke Uhlenwinkel sehen kann, waren es häufig Menschen, die nicht mit dem akademischen Löffel im Mund geboren wurden, die nicht aus Familien stammten, in denen über Generationen hinweg Professuren weitergereicht wurden. Nein, sie waren homines novi oder feminae novae, also Außenseiter eines Betriebs, die über die Identifikation mit den Werten der Institution beeindruckende Karrieren gemacht haben und im Moment der Prüfung – der wichtigsten Prüfung ihres Lebens – nicht versagt haben. Dass diese Beispiele nun in Buchform gegossen sind, quasi wie ein Monument dieser Ordnung entgegengesetzt werden, die sich gerade um uns herum zu errichten glaubt, ist schon für sich genommen ein Statement von unerhörter Symbolkraft. Und es macht Mut, die Berichte der Einzelnen zu lesen, denn sie stehen pars pro toto für die vielen anderen Tausenden, vielleicht Hunderttausenden Mutigen.
Es waren trotzdem zu wenige, machen wir uns nichts vor – die eben auch entgegen einer gefühlten Mehrheit agiert haben. In Gesprächen mit Ungeimpften (ich hatte vor kurzem ein sehr schönes beim 25-Jährigen Klassentreffen meiner Abiturklasse via Zoom) begegnete mir immer wieder das Verhältnis eins zu zwanzig, wenn Menschen mir bestätigten:„Ich war eine Person gegen zwanzig in der Familie, im Betrieb, im Freundeskreis. Alle eint das Gefühl der Verlassenheit, der Einsamkeit im Moment der Entscheidung.
Doch auch sie fanden ihre magischen Helfer. Auch sie haben eine Erfahrung gemacht, die sie alle eint: dass es selbst in der absoluten Minderheit Menschen gab, die ihnen beistanden – vielleicht nicht immer offen, sondern verdeckt. Und so war der Moment des Widerstands auch der Moment der Katharsis und der Beginn einer Heldenreise. Eine Mission vor die Füße gelegt zu bekommen, die man entweder annehmen oder ablehnen kann, ist an sich schon eine einschneidende persönliche Erfahrung. Michael Meyen zitiert Hölderlin: „Wo die Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ Neue Freunde und Verbündete taten sich auf. Ein neuer Kreis von Menschen gleicher oder ähnlicher Gesinnung – einer Gesinnung nach Prinzipien, nach first principles.
So folgte auf die Erfahrung des Dissidententums zugleich die der Auflösung einer Illusion, sodass man sagen durfte: Ich lebe jetzt in der Wahrheit, denn ich lebe in einem Zustand wahrhaftiger, echter Beziehungen und nicht mehr in von Karriereerwägungen, institutionellem Gefüge oder akademischer Vetternwirtschaft geprägten Scheinfreundschaften und Pseudokollegentum. Auch diese positiven Erfahrungen sprechen aus vielen Texten – und es sind nicht nur die bekannten Autoren, auf die man schauen sollte, sondern auch für mich unbekannte Namen. Menschen wie Carola Javid Kistel, eine Landärztin, oder Alessandra Asteriti, die als Forscherin die Gender-Ideologie in Frage stellte.
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Eine besondere Situation des magischen Helfertums beschreibt Enno Schmidt, kurz vor und nach einem Gespräch mit der Personalleitung seines Instituts, in dem er davon ausgehen musste, gleich entlassen zu werden. Zwei junge Menschen kamen auf ihn zu mit freundlich leuchtenden Gesichtern und sagten ihm, dass Jesus ihn liebte. Er empfand dies nicht als sektenhafte Belehrung, sondern als berührend.
Noch eigenartiger war, dass ihm dasselbe nach dem Gespräch auf dem Rückweg erneut geschah – diesmal mit vier jungen Menschen. Sie lobten ihn, beteten für ihn, erklärten ihn zum Vorbild. Es geschah mitten auf einem öffentlichen Platz, vor einer Synagoge. Es war ihm nicht peinlich. Es war überraschend, absonderlich und haltlos – und gerade deshalb so echt und schön, wie nur das Leben spielen kann.
Denn das Universum liefert nicht nur das Dunkle, sondern auch das Helle gleich mit und, wenn nötig, gerne mal doppelt so viel. Dann liegt es nur noch an uns, im Dunklen auch das Helle zu sehen. Uns zu fragen: Willst du im Krieg sein oder im Frieden? Willst du das Licht sehen oder das Dunkel?
Letztlich muss das Resultat all dieser Erfahrungen sein: Höre den Ruf des Neuen, der im Tod des Alten mitschwingt. Folge diesem Ruf, denn das Alte kann niemand retten – nicht einmal sich selbst. Doch das Neue braucht starke Geburtshelfer. Und diese finden sich unter den Autoren dieses Sammelbandes: Menschen wie Michael Meyen mit seiner eigenen Akademie, Andreas Heisler mit der Gesundheitsbewegung Aletheia und einer neuen Krankenversicherung für die Schweiz, Panaceha, Daniele Ganser, der einen gut dotierten Universitätsjob verlor, aber ein Massenpublikum gewann.
Wenn Sie Menschen aus dem Autorenkreis (und darüberhinaus) persönlich erleben wollen ist der Panaceha-Kongress vom 14.-15.03.2026 eine Gelegenheit dazu. Hier gibt es Tickets.
Auch ich gehöre trotz aller Schwierigkeiten der letzten Jahre irgendwie auf eine gewisse Weise zu den Profiteuren dieser Zeit. Auch für mich hat sich die Entscheidung, dem Alten nicht mehr zu vertrauen, gelohnt, ich verlor alte Gewissheiten und gewann meine Freiheit als Publizist.
Gerade schaue ich auf die neuesten Zahlen der Mainstream-Presse: zweistellige Einbrüche im letzten Quartal 2025 – über 16% bei der Bild-Zeitung, über sieben Prozent bei der Süddeutschen Zeitung. Erdrutsche, die massive Auswirkungen auf Anzeigen und Finanzierung haben werden. Der Medienwandel ist in vollem Gange und ich bin Teil davon.
Auch wenn im alternativen Journalismus nicht alles rosig ist und vieles hart bleibt, hat mich eine eigene Zahl dieses Newsletters zuletzt ziemlich umgehauen, nämlich die Kündigungsquote, die sogenannte churn rate, die wohl wichtigste Metrik im Bereich Newsletter und Medien (und Vorsicht, so manchen Verleger dürfte das jetzt verunsichern): Diese Rate liegt in der Regel so bei 3-7% monatlich, im Durchschnitt behält ein Newsletter am Jahresende etwa 67 Prozent seiner Abonnenten.
Bei mir waren es im vergangenen Jahr (Januar bis Dezember 2025) 99 Prozent.
Ich danke diesen 99 Prozent für ihr Vertrauen. Ich habe vermutlich gerade die resilienteste Leserschaft, die man sich vorstellen kann. Und den 1 Prozent, die mich verlassen haben, danke ich immer für ihre bisherige Unterstützung und Lesetreue. Vielleicht kommen sie ja mal wieder.
Wolfgang Stölzle, Günter Roth (Hrsg.), “Mut zum Widerspruch - Dissidenten der Alternativlosigkeit berichten”, Discorso Verlag, Basel 2025, 29.80 Euro (hier bestellbar)
Herzlichen Dank, dass Sie meine Arbeit unterstützen!
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Davon abgesehen, dass es bekanntlich sehr unterschiedliche Entwürfe dessen gibt, was man , manche ohne tiefere Kenntnisse, Demokratie nennt, ist diese Staatsform nicht zwingend mit der Freiheit ( aller) verbunden. An die " Volksdemokratie" sei erinnert. Mir scheint, dass die " Republik" , eine sehr wichtige Erfindung, dabei etwas zu kurz kommt. Wie auch immer, die Demokratie allein ist es nicht, wenn es um die individuelle Freiheit geht. Da geht es um mehr, viel mehr. Im Grunde um den humanistischen Kern , um die Vorstellung von der menschlichen Existenz oder das Menschenbild selbst. Meinungsfreiheit oder die "Freiheit" zur anderen, abweichenden , eigenen Meinung als Ergebnis eigenen Denkens und Fühlens kann wie wir wissen in absolutistischen Systemem und sogar Diktaturen herrschen. Die Frage ist weniger eine der Staatsform als der Vorstellung von dem, was " dem Menschen" ausmacht. Die totalitären, posthumanistischen Transformatoren a la Harari setzen genau dort an, nicht zufällig. Die Sache reicht tiefer und deutlich existentieller, als sie gemeinhin verstanden wird. Die Mittel , an die Eugenik sei erinnert, reichen demzufolge weit über die Meinungsfreiheit hinaus. Es geht um das, was man den " neuen Menschen"nennt, der vom allzu Menschlichen " befreit" wurde. Da wären m.E. andere Mittel des Widerstandes zumindest verständlich, genau genommen sogar " normal". Es gäbe ja durchaus Substantielles zu verteidigen, das über die Staatsform hinausreicht.